Ich hatte schon Pärts Musik zweimal im Konzert gehört. Das erste Mal war in Irland. Die bunt gestrichenen Wände in der großen Kirche förderte das seltsame Gefühl, ein Lastwagen voller der Hässlichkeit der Gegenwart sei mit der Schönheit der Vergangenheit zusammengestoßen. Aber hinter der geschmückten und geschminkten Fassade blieb ruhig nicht nur die souveräne Ästhetik des Vorigen, sondern auch seine praktischen Nachteile, indem es keine öffentliche Toilette gab. Also, nach mehreren Stunden im Auto wurde die Erhabenheit des Erlebnisses wegen anderer Bedürfnisse etwas gedämpft, auch wenn die Musik fabelhaft war.
Das zweite Mal war ich schon in Heidelberg. Es war etwas unangenehmer: Die Musik nicht so sublim, die Stimmung nicht so entspannt, selbst wenn ich mich eigentlich physikalisch entspannter hätte fühlen dürfen. Schon bevor das Konzert angefangen hatte, fühlte ich mich noch fremder als normalerweise, während ich draußen unter den erfahrenen Konzertbesucher herumstehen musste. Eine ältere Dame brach die Verlegenheit kurz durch und sagte etwas freundliches zu mir auf Deutsch. Als ich darauf antwortete, sah sie mich fragend an und erkundigte sich, ob ich Deutsch eigentlich könne.
Auf jeden Fall, dachte ich, ich würde ein Konzert noch einmal probieren. Leider scheint es, ich bin nicht so ein großer Fan von klassischer oder kirchlicher Musik, wie ich mir einbilden mag, auch in einem günstigen Klima. Zudem dauert es viel länger, die Geschichte der Passion Jesu auf Lateinisch zu singen, als ich je gedacht hätte. Nach einer Beschleunigung zum Schluss zu rufen wäre unpassend gewesen, obwohl es mehrere Leute gab, die das Ganze aufgegeben haben und vorzeitig ausgegangen sind. Die Musik war eigentlich sehr schön gesungen. Das Problem war lieber, man hat heutzutage einfach kein Geduld mehr. Man braucht fast ständig neue Bilder, neue Gefühle, neue Geräusche, neue nicht lateinischen Worte. Ich mindestens. Ich will so was genießen können, habe es aber noch nicht gelernt.
Jedenfalls hatte ich Zeit während der Aufführung, einige von den Plakaten zu lesen, die auf den Kirchenwänden hingen. Die Themen waren nicht wie ich mir gedacht hätte. Zum Beispiel berichtete das nächste, das ich am besten lesen konnte, über die Hirschkäfer, die das Kirchengelände bewohnen. Angeblich entwickeln sie 8 Jahren und danach haben sie nur einen einzigen, hektischen, hedonistischen Monat, in dem sie alles andere erledigen muss. Ich fühlte mich einen großen, stellvertretenden Stress, wenn ich daran dachte, mit wie viel Verzweiflung, die in jede Beziehung hineintreten müssten, oder wie unvorstellbar ärgerlich jede unvermeidliche Ablenkung und jede kleine Verzögerung sein müsste. Wenn ein Monat bestimmt nicht ausreichend ist, scheint siebzig Jahre auch nicht viel länger, so lange man die meisten Monate verschwendet. Wie in Konzerten, in denen man nicht mehr richtig zuhört.Ich fand es aber beeindruckend, dass eine Kirche den Mut hätte, so was an die Wand zu hängen. Denn die Leute, die die Worte höchstwahrscheinlich lesen würden, wären genau die, die sich in der Kirche gerade langweilten. Wenn es ihnen einfällt, wie knapp die Zeit ist, würde es ihnen vielleicht auch einfallen, wie sie ein Paar sonst langweilige Stunden pro Woche wieder für sich selbst noch retten könnten.
Aiaiai you made me laugh out loud there, whilst simultaneously feeling envious and guilty about your use of the subjunctive, and again slightly guilty about being a perpetrator of classical music. (And I've been too long in 'Schland - typed Perpetratorin without thinking!!).
AntwortenLöschenThanks. Needed the laugh :-)
K x
Aw, thanks Katy. You shouldn't feel guilty though. From the clips I saw, I think your perpetration of classical music tends to be accompanied by a sufficiently arresting visual spectacle that I don't imagine even the most attentionally deficient would be able to turn their seared concentrations away from the multisensory action for long enough to seek out distracting posters. In fact, I'm rather curious as to how you might have interpreted the material.
AntwortenLöschen(Thanks also for letting my subjunctive risk not go unnoticed. Let's hope it was correct, or thereabouts.)