Donnerstag, 23. Juni 2011

Kirchenkäfer

Zum Ostern bin ich zu einem Konzert gegangen.  Nicht weil ich mich besonders religiös fühlte, sondern weil ich die Musik von Arvo Pärt liebe, und sein Passio würde gespielt und gesungen werden.

Ich hatte schon Pärts Musik zweimal im Konzert gehört.  Das erste Mal war in Irland.  Die bunt gestrichenen Wände in der großen Kirche förderte das seltsame Gefühl, ein Lastwagen voller der Hässlichkeit der Gegenwart sei mit der Schönheit der Vergangenheit zusammengestoßen.  Aber hinter der geschmückten und geschminkten Fassade blieb ruhig nicht nur die souveräne Ästhetik des Vorigen, sondern auch seine praktischen Nachteile, indem es keine öffentliche Toilette gab.  Also, nach mehreren Stunden im Auto wurde die Erhabenheit des Erlebnisses wegen anderer Bedürfnisse etwas gedämpft, auch wenn die Musik fabelhaft war.

Das zweite Mal war ich schon in Heidelberg.  Es war etwas unangenehmer: Die Musik nicht so sublim, die Stimmung nicht so entspannt, selbst wenn ich mich eigentlich physikalisch entspannter hätte fühlen dürfen.  Schon bevor das Konzert angefangen hatte, fühlte ich mich noch fremder als normalerweise, während ich draußen unter den erfahrenen Konzertbesucher herumstehen musste.  Eine ältere Dame brach die Verlegenheit kurz durch und sagte etwas freundliches zu mir auf Deutsch.  Als ich darauf antwortete, sah sie mich fragend an und erkundigte sich, ob ich Deutsch eigentlich könne.

Auf jeden Fall, dachte ich, ich würde ein Konzert noch einmal probieren.  Leider scheint es, ich bin nicht so ein großer Fan von klassischer oder kirchlicher Musik, wie ich mir einbilden mag, auch in einem günstigen Klima.  Zudem dauert es viel länger, die Geschichte der Passion Jesu auf Lateinisch zu singen, als ich je gedacht hätte.  Nach einer Beschleunigung zum Schluss zu rufen wäre unpassend gewesen, obwohl es mehrere Leute gab, die das Ganze aufgegeben haben und vorzeitig ausgegangen sind.  Die Musik war eigentlich sehr schön gesungen.  Das Problem war lieber, man hat heutzutage einfach kein Geduld mehr.  Man braucht fast ständig neue Bilder, neue Gefühle, neue Geräusche, neue nicht lateinischen Worte.  Ich mindestens.  Ich will so was genießen können, habe es aber noch nicht gelernt.

Jedenfalls hatte ich Zeit während der Aufführung, einige von den Plakaten zu lesen, die auf den Kirchenwänden  hingen.  Die Themen waren nicht wie ich mir gedacht hätte.  Zum Beispiel berichtete das nächste, das ich am besten lesen konnte, über die Hirschkäfer, die das Kirchengelände bewohnen.  Angeblich entwickeln sie 8 Jahren und danach haben sie nur einen einzigen, hektischen, hedonistischen Monat, in dem sie alles andere erledigen muss.  Ich fühlte mich einen großen, stellvertretenden Stress, wenn ich daran dachte, mit wie viel Verzweiflung, die in jede Beziehung hineintreten müssten, oder wie unvorstellbar ärgerlich jede unvermeidliche Ablenkung und jede kleine Verzögerung sein müsste.  Wenn ein Monat bestimmt nicht ausreichend ist, scheint siebzig Jahre auch nicht viel länger, so lange man die meisten Monate verschwendet.  Wie in Konzerten, in denen man nicht mehr richtig zuhört.

Ich fand es aber beeindruckend, dass eine Kirche den Mut hätte, so was an die Wand zu hängen.  Denn die Leute, die die Worte höchstwahrscheinlich lesen würden, wären genau die, die sich in der Kirche gerade langweilten.  Wenn es ihnen einfällt, wie knapp die Zeit ist, würde es ihnen vielleicht auch einfallen, wie sie ein Paar sonst langweilige Stunden pro Woche wieder für sich selbst noch retten könnten.

Montag, 16. Mai 2011

Die Superheldenversammlung

Während ich in der kühlen Nachtluft zurück nach Hause schlenderte, fand ich zufällig ein merkwürdig geschäftiges Cafe und bekam plötzlich das seltsame Gefühl, wenn ich etwas Ruchloses vor hätte, wäre es sicherlich nicht der richtigen Zeitpunkt und kein guter Ort diesen Plan durchzuführen.

Mittwoch, 27. April 2011

Eine lange Nacht

Der schlecht geplante Ausflug nach Mannheim war sicherlich kein Höhepunkt.  Das ist schon klar.

Aber niemand dürfte sagen, wir seien dort auf gar nichts interessantes gestoßen.  So eine Behauptung wäre gegenüber der tanzenden Nonne in der Synagoge sehr ungerecht.

Dienstag, 12. April 2011

Der Partymensch

Als ich im Bus saß und zu der jungen Mädel mit den vier Augen hinübersah, erfasste ich es zum ersten Mal, dass selbst die aufheiternde Kraft von Gesichtsfarben und Kuchen nicht ganz unbegrenzt ist.

Montag, 28. März 2011

Erfolg

Anzahl von geschälten Kartoffeln: 15
Anzahl von blutigen Fingern: 1

Angesichts des besseren Verhältnisses sind das Fortschritte, auch wenn die Schwere der eigentlichen Verletzung etwas größer war.

Montag, 21. März 2011

Der Mariankäfer

Jeder auf mich gerichtete Blick manifestiert sich in Verbindung mit dem Erscheinen einer sinnlichen Gestalt in unserem Wahrnehmungsfeld, aber im Gegensatz zu dem, was man glauben könnte, ist er an keine bestimmte Gestalt gebunden...
Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts

Im Moment befasse ich mich mit den Themen Blick und Blickkontakt, die interessanter sind, als ich je gedacht hätte. Es gibt viel zu erwägen und meine eigenen Betrachtungen über die Gegenständlichkeit des Anderen (und des Ichs) sind noch nicht sehr durchdacht. Ich möchte lieber ein bisschen mehr Zeit mit Sartre verbringen, oder mindestens mit mir selbst und seinen aufgeschriebenen Worten, bevor ich anfange, darüber zu philosophieren.

Der Anlass dieser neu entwickelten Interesse war eher die einfache Beobachtung, dass man manchmal nur einen ganz kurzen Moment unabsichtlichen Blickkontakts von einem Fremden braucht, um mit Sicherheit feststellen zu können, der Abend wird bald etwas merkwürdiger werden.

Eine ziemlich bescheidene Bemerkung im Vergleich zu den, die von den Existentialisten diskutiert geworden sind, aber immerhin eine Bemerkung, die mir am Samstagabend mit besonders großen Klarheit auffiel, als der begeisterte Freund des verlegen aussehenden Marienkäfers erstmals zu uns herüberschaute.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Die Aussicht vom Berggipfel

'For there is nothing either good or bad, but thinking makes it so.'
Shakespeare
„Ich glaube, damit ich verstehe“
Anselm von Canterbury
So ich von mir selbst zeuge, so ist mein Zeugnis nicht wahr. Ein anderer ist's, der von mir zeugt; und ich weiß, daß das Zeugnis wahr ist, das er von mir zeugt.
Johannes 5:31-32

Religiöse Erlebnisse unterscheiden sich äußerlich von anderen Erlebnissen, oft erst wenn sie weitergegeben werden. Jeder kann ein Erlebnis berichten, aber nicht jeder kann es durchschauen, um sein mystisches Innere zu enthüllen. Das enthüllte, mystische Innere könnte natürlich Quatsch sein, aber das kann man nie wissen.  Hauptsache ist, dass der Erleuchtete sich selbst von seinem nicht nachprüfbaren Interpretationen überzeugen kann und, wenn er Glück hat, andere Leute auch.  Andererseits können die anderen Leute manchmal überzeugt sein, der Erleuchtete selbst aber nicht.  Ein Erlebnis ist jedenfalls erst bedeutungsvoll, wenn es als bedeutungsvoll verstanden wird.  Man soll dann immer nur die schönsten und interessantesten Bedeutungen von Erlebnissen annehmen, um das Leben freundlicher und lustiger zu machen, glaube ich.

Früher schien mir hässlich solcher Fideismus, wie der von Anselm - ein Zirkelschluss. Jetzt scheint es mir aber unvermeidlich. Alles, was man versteht (oder verstehen will), versteht man nur durch die Brille seines Metanarrativs. Wäre ein Wunder wirklich geschehen, könnte man es nur als wunderbar anerkennen, wenn seine Weltanschauung so was erlaubte. Wenn tatsächlich keine Wunder möglich seien, könnte die gleiche Weltanschauung natürlich nur in den Irrtum führen.  Aber sich zu irren muss auch nicht so schlimm sein, wenn man darin schönere Bedeutungen, Erklärungen und Gefühle finden kann.

Aber das reicht schon mit dieser blöden Rede.  Ich fühle mich so gedankenvoll, wenn nicht gerade religiös, und kümmere mich schon wieder an die größten Fragen, denn etwas prächtiges ist vor kurzem passiert, als ein Freund mir zu Besuch kam.

Kurz zusammengefasst: Wir waren zusammen auf dem Gipfel des Heiligenbergs, im Mitten eines alten Klosters, von Schnee umgeben.  Heiliger konnte es nicht mehr kommen. Dort, im allerheiligsten Teil Heidelbergs und mit gar keinem menschlichen Ursache zu sehen, ist es geschehen. Wie von einem Finger aus dem Himmel berührt ist meinem Freund plötzlich die Hose zerrissen, und zwar am heiligsten Ort seiner Hose. Wir beide waren erschrocken. Ich konnte ihn kurz kaum anschauen.

Ich habe das Ereignis mit meinen eigenen Augen gesehen und kann es nicht wieder vergessen, auch wenn ich Teile davon (ziemlich sehr) vergessen will. Aber was soll es denn sein? Ein Zufall? Ein Segen? Ein Unsegen? Man kann für alles eine Erklärung geben und jeder muss sich selbst entscheiden.  Ich mag denken, es war tatsächlich ein Wunder.  Deshalb tue ich es.  Ich denke an meinen Freund und an den Vorhang in dem Temple zum ersten Ostern, und fast alles hängt ganz logisch zusammen.  Aus irgendeinem Grund und zum irgendeinen Zweck ist er auserwählt worden.

Eine Sache bleibt, die ich noch seltsamer finde, als das Wunder selbst.  Warum hat mein Freund nämlich meinen Rat nicht ernst genommen, und diese Geschichte jedem einzigen Menschen erzählt, den wir seitdem getroffen haben? Gewiss, er ist ein äußerst bescheidener Mensch, aber nicht besonders schüchtern und wenn so was einem normalen Mann passiert wäre, dürfte es nicht verborgen bleiben.  Das Schweigen konnte ich lange nicht begreifen, bis es mir endlich eingefallen ist, das alleine dient als Beweis, dass ihm etwas außerordentlich passiert ist.

Es fällt also mir, seine Erzählung weiterzugeben.

Genau das, was er seltsamerweise nicht gemacht hat.