'For there is nothing either good or bad, but thinking makes it so.'
Shakespeare
„Ich glaube, damit ich verstehe“
Anselm von Canterbury
So ich von mir selbst zeuge, so ist mein Zeugnis nicht wahr. Ein anderer ist's, der von mir zeugt; und ich weiß, daß das Zeugnis wahr ist, das er von mir zeugt.
Johannes 5:31-32
Religiöse Erlebnisse unterscheiden sich äußerlich von anderen Erlebnissen, oft erst wenn sie weitergegeben werden. Jeder kann ein Erlebnis berichten, aber nicht jeder kann es durchschauen, um sein mystisches Innere zu enthüllen. Das enthüllte, mystische Innere könnte natürlich Quatsch sein, aber das kann man nie wissen. Hauptsache ist, dass der Erleuchtete sich selbst von seinem nicht nachprüfbaren Interpretationen überzeugen kann und, wenn er Glück hat, andere Leute auch. Andererseits können die anderen Leute manchmal überzeugt sein, der Erleuchtete selbst aber nicht. Ein Erlebnis ist jedenfalls erst bedeutungsvoll, wenn es als bedeutungsvoll verstanden wird. Man soll dann immer nur die schönsten und interessantesten Bedeutungen von Erlebnissen annehmen, um das Leben freundlicher und lustiger zu machen, glaube ich.
Früher schien mir hässlich solcher Fideismus, wie der von Anselm - ein Zirkelschluss. Jetzt scheint es mir aber unvermeidlich. Alles, was man versteht (oder verstehen will), versteht man nur durch die Brille seines Metanarrativs. Wäre ein Wunder wirklich geschehen, könnte man es nur als wunderbar anerkennen, wenn seine Weltanschauung so was erlaubte. Wenn tatsächlich keine Wunder möglich seien, könnte die gleiche Weltanschauung natürlich nur in den Irrtum führen. Aber sich zu irren muss auch nicht so schlimm sein, wenn man darin schönere Bedeutungen, Erklärungen und Gefühle finden kann.
Aber das reicht schon mit dieser blöden Rede. Ich fühle mich so gedankenvoll, wenn nicht gerade religiös, und kümmere mich schon wieder an die größten Fragen, denn etwas prächtiges ist vor kurzem passiert, als ein Freund mir zu Besuch kam.
Kurz zusammengefasst: Wir waren zusammen auf dem Gipfel des Heiligenbergs, im Mitten eines alten Klosters, von Schnee umgeben. Heiliger konnte es nicht mehr kommen. Dort, im allerheiligsten Teil Heidelbergs und mit gar keinem menschlichen Ursache zu sehen, ist es geschehen. Wie von einem Finger aus dem Himmel berührt ist meinem Freund plötzlich die Hose zerrissen, und zwar am heiligsten Ort seiner Hose. Wir beide waren erschrocken. Ich konnte ihn kurz kaum anschauen.
Ich habe das Ereignis mit meinen eigenen Augen gesehen und kann es nicht wieder vergessen, auch wenn ich Teile davon (ziemlich sehr) vergessen will. Aber was soll es denn sein? Ein Zufall? Ein Segen? Ein Unsegen? Man kann für alles eine Erklärung geben und jeder muss sich selbst entscheiden. Ich mag denken, es war tatsächlich ein Wunder. Deshalb tue ich es. Ich denke an meinen Freund und an den Vorhang in dem Temple zum ersten Ostern, und fast alles hängt ganz logisch zusammen. Aus irgendeinem Grund und zum irgendeinen Zweck ist er auserwählt worden.
Eine Sache bleibt, die ich noch seltsamer finde, als das Wunder selbst. Warum hat mein Freund nämlich meinen Rat nicht ernst genommen, und diese Geschichte jedem einzigen Menschen erzählt, den wir seitdem getroffen haben? Gewiss, er ist ein äußerst bescheidener Mensch, aber nicht besonders schüchtern und wenn so was einem normalen Mann passiert wäre, dürfte es nicht verborgen bleiben. Das Schweigen konnte ich lange nicht begreifen, bis es mir endlich eingefallen ist, das alleine dient als Beweis, dass ihm etwas außerordentlich passiert ist.
Es fällt also mir, seine Erzählung weiterzugeben.
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| Genau das, was er seltsamerweise nicht gemacht hat. |











